Der unterschätzte Renditefaktor im Wohnungsmarkt: Bezahlbarkeit

09.09.2026

Autor

Thomas Meyer

Thomas Meyer

Vorstandsvorsitzender

WERTGRUND Immobilien AG

Blogbeitrag

Der unterschätzte Renditefaktor im Wohnungsmarkt: Bezahlbarkeit

Die klassische Investmentlogik im Wohnungsmarkt führt nach oben: bessere Lage, höhere Qualität, ein entsprechendes Preisniveau. Doch mit der Miethöhe steigt zwar der mögliche Ertrag pro Quadratmeter, zugleich schrumpft der Kreis der Menschen, die sich diese Wohnung leisten können. Während viel Aufmerksamkeit auf gefördertes Wohnen und hochpreisige Angebote fällt, liegt dazwischen eine gewaltige Nachfrage: die Mitte.

Wenn ein gutes Einkommen an Grenzen stößt 
Wie weit diese Mitte reicht, zeigt ein Beispiel. Eine Pflegefachkraft und ein Busfahrer verdienen gemeinsam netto 4.500 Euro im Monat. Bei einer Nettokaltmiete von 30 Prozent des Einkommens muss der Haushalt monatlich 1.350 Euro für die Wohnung aufbringen. Für 80 Quadratmeter entspricht das knapp 17 Euro pro Quadratmeter. Bei 20 Euro steigt die Kaltmiete bereits auf 1.600 Euro, Betriebs- und Heizkosten kommen hinzu. Bezahlbarkeit ist damit längst eine Frage für Haushalte mit soliden Erwerbseinkommen. Viele liegen oberhalb klassischer Fördergrenzen und können sich dennoch nicht jede frei finanzierte Wohnung leisten. Gerade im mittleren Mietsegment trifft deshalb eine große Nachfrage auf ein knappes Angebot – und wird damit auch für Investoren interessant.

Bezahlbarkeit muss sich rechnen 
Allerdings beginnt für Investoren hier eine andere Rechnung: Das für die Zielgruppe erreichbare Mietniveau setzt den Rahmen. Erwerb und Investitionen müssen innerhalb dieser Grenze wirtschaftlich funktionieren. Das gilt besonders im Bestand. Modernisierungen müssen Qualität und Energieeffizienz verbessern, ohne die Miete aus dem für die Zielgruppe erreichbaren Bereich zu treiben. Die höchste technisch mögliche Aufwertung ist deshalb selten die wirtschaftlich klügste. Gefragt ist eine Investitionsstrategie, die den Bestand zukunftsfähig hält und zugleich seine Bezahlbarkeit sichert. Die Miete ist keine Zielgröße am Ende der Rechnung. Sie steht an ihrem Anfang. Aus dieser Begrenzung entsteht ein Investmentprodukt mit eigener wirtschaftlicher Logik.

Förderung erweitert den Spielraum 
Förderprogramme und steuerliche Anreize können diese Rechnung verändern. Eine aktuelle Analyse von CBRE zeigt, dass solche Modelle für langfristige Bestandshalter attraktive risikoadjustierte Renditen ermöglichen können. Im Gegenzug akzeptieren Investoren Bindungen bei Miete oder Belegung.1 Entscheidend ist die Verlässlichkeit des Rahmens. Eine von Beginn an bekannte Mietbindung lässt sich einkalkulieren. Ändern sich die Regeln während der Haltedauer, verändert sich dagegen die Grundlage des Investments. Planbarkeit entscheidet deshalb mit darüber, wie viel privates Kapital sich für bezahlbaren Wohnraum mobilisieren lässt.

Wenn der laufende Ertrag wieder zählt 
Mit dem veränderten Zins- und Marktumfeld verschieben sich auch die Maßstäbe vieler Investoren. Der laufende Ertrag erhält wieder größeres Gewicht. CBRE beobachtet im ersten Halbjahr 2026 einen stärkeren Fokus auf Cashflow und belastbare Businesspläne. Gerade Mietannahmen bei Neubauinvestitionen werden kritischer darauf geprüft, ob sie sich langfristig am Markt durchsetzen lassen.2 Bezahlbarer Wohnraum passt in dieses Suchraster. Die Investmentthese baut weniger auf ambitionierte Mietsteigerungen als auf stabile laufende Einnahmen. Wohnen deckt einen Grundbedarf. Für langfristige Investoren verschiebt sich damit der Blick vom maximal möglichen Mietwachstum auf die Belastbarkeit der zugrunde liegenden Annahmen.

Soziale Wirkung beginnt beim Mietniveau 
Bleibt Wohnen für Menschen mit mittleren Einkommen erreichbar, ist Wirkung keine zusätzliche Ebene, die einem Investment über ESG-Kriterien nachträglich zugeschrieben wird. Sie liegt im Produkt selbst. Die Miete entscheidet über die wirtschaftliche Kalkulation und zugleich darüber, wer sich die Wohnung leisten kann. Die Folgen reichen über den Wohnungsmarkt hinaus. Das Institut der deutschen Wirtschaft beschreibt den angespannten Wohnungsmarkt in Großstädten inzwischen als Standort- und Beschäftigungsproblem: Hohe Wohnkosten und lange Pendelzeiten belasten Beschäftigte und erschweren Unternehmen den Wettbewerb um Fachkräfte.3 Wenn eine Pflegefachkraft oder ein Busfahrer dort wohnen kann, wo ihre Arbeit gebraucht wird, geht es deshalb um mehr als ihre persönliche Wohnkostenrechnung. 

Eine alte Idee unter neuen Vorzeichen 
Schon das erste Wohnungsbaugesetz von 1950 sollte angesichts massiver Wohnungsnot schnell Wohnraum schaffen und Mieten für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich halten.4 Im Laufe der Jahrzehnte zog sich der Staat sukzessive aus der Wohnraumversorgung zurück, 1990 endete die Wohnungsgemeinnützigkeit. Zugleich öffnete sich der Wohnungsmarkt stärker für institutionelles Kapital.5

Heute verschiebt sich die Perspektive erneut. Der Staat versucht über Förderung und Regulierung stärker zu beeinflussen, welcher Wohnraum entsteht und zu welchen Mieten. Investoren entdecken Bezahlbarkeit gleichzeitig aus einer anderen Richtung: als Grundlage langfristig tragfähiger Erträge. Damit kehrt eine alte Idee unter neuen Vorzeichen zurück. Ein Wohnungsmarkt für breite Bevölkerungsschichten braucht öffentliche Rahmenbedingungen und privates Kapital. Zusammenfinden müssen beide bei einer entscheidenden Größe: einer Miete, die dauerhaft funktioniert.

 

(1) CBRE, Bezahlbarer Wohnraum rückt wieder in den Fokus institutioneller Investoren; Stand: 17. Juni 2026 www.cbre.de/press-releases/ bezahlbarer-wohnraum-rueckt-wieder-in-den-fo kus-institutioneller-investoren 
(2) CBRE, Belebung auf dem Wohninvestmentmarkt trifft auf selektive Investorenstrategien; Stand: 6. Juli 2026 www.cbre.de/press-releases/ belebung-auf-dem-wohninvestment markt-trifft-auf-selektive-investorenstrategien 
(3) IW; IW-Trends 1/2026: Mitarbeiterwohnen in Deutschland – Zwischen steigender Relevanz und fortbestehenden Hürden; Stand: März 2026 https:// www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/ IW-Trends/PDF/2026/ IW-Trends_2026-01-03_Deschermeier_et_al.pdf 
(4) Deutscher Bundestag; 28. März 1950: Bundestag verabschiedet Gesetz zum sozialen Wohnungsbau www.bundestag.de/dokumente/ textarchiv/1950-03-28-wohnungsbau-1057994 
(5) Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Betongold: Wohnungen und Immobilien als Kapitalanla ge; Stand: 9. Juli 2018 www.bpb.de/themen/ stadt-land/stadt-und-gesellschaft/216876/betongold/

weitere Informationen

Werden Sie FondsForumMagazin-Leser!

Fachartikel, Informationen und Nachrichten der institutionellen Immobilienwirtschaft.

FondsForumMagazin

Beitrag teilen

Soziale Netzwerke