Leere Etagen voller Fragen: Konzernzentralen im Strukturwandel

20.05.2026

Autor

Ernst Hanfstaengl

Ernst Hanfstaengl

Senior Director 

pro m²

Blogbeitrag

Leere Etagen voller Fragen: Konzernzentralen im Strukturwandel

Großflächige Konzernzentralen und Campusstandorte, die seit den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren in ganz Deutschland entstanden sind, stehen heute vor einem grundlegenden Wandel. Was einst als Ausdruck wirtschaftlicher Stärke, Identität und Effizienz galt und aus städtebaulichen Gründen Büromonolithe an den Stadträndern schuf, entwickelt sich zunehmend zu einer strukturellen Herausforderung für Eigentümer und Eigennutzer. Die Rahmenbedingungen, unter denen diese Immobilien konzipiert wurden, haben sich grundlegend verändert. Viele dieser Standorte wurden aufgrund ihrer Größe in dezentralen Lagen realisiert, häufig mit monofunktionalem Fokus auf Büroarbeit und einer internen Ausrichtung auf Vollzeit-Präsenz. Ziel war es, möglichst viele Mitarbeitende an einem Ort zu bündeln und gleichzeitig eine klare Markenidentität räumlich erlebbar zu machen. Heute zeigt sich jedoch, dass diese Konzeption nicht mehr tragfähig ist. Spätestens seit der Corona-Pandemie hat sich die Nachfrage nach klassischen Büroflächen deutlich verändert. Hybride Arbeitsmodelle, flexible Präsenzstrukturen und ein insgesamt sinkender Flächenbedarf führen dazu, dass große Teile dieser Immobilien nicht mehr ausgelastet sind. 

Parallel dazu verstärkt sich der Trend hin zu zentralen, urban eingebetteten Standorten. Gut angebundene Lagen mit gemischter Nutzung und hoher Aufenthaltsqualität gewinnen deutlich an Bedeutung. Dezentral gelegene und arbeitsplatzfokussierte Campusstrukturen verlieren hingegen an Attraktivität – selbst dann, wenn sie baulich modernen Standards entsprechen. Die Folge ist ein wachsender struktureller Leerstand, der sich kaum noch durch klassische Instrumente wie Untervermietung kompensieren lässt. 

Hinzu kommen bauliche und funktionale Defizite, insbesondere bei älteren Beständen. Veraltete Grundrisse, technische Infrastruktur und steigende Anforderungen im Bereich Nachhaltigkeit machen umfassende Investitionen erforderlich. Diese stehen oft in keinem angemessenen Verhältnis zur potenziellen Wertsteigerung. 

Vor diesem Hintergrund stoßen auch klassische Lösungsansätze an ihre Grenzen. Die Umwandlung in MultiTenant-Strukturen ist insbesondere an peripheren Standorten nur eingeschränkt marktgängig. Gleichzeitig erschwert die starke Prägung durch einen einzelnen Konzern die Ansprache externer Nutzer. Selbst bei teilweiser Nachvermietung bleibt der Effekt auf die Gesamtfläche meist gering. 

Eine vollständige Umnutzung im Sinne einer Quartiersentwicklung ist zwar in Einzelfällen gelungen, erweist sich jedoch als komplex, langwierig und risikobehaftet. Planungsrechtliche Anpassungen, lange Entwicklungszeiträume und unsichere Marktbedingungen stellen insbesondere für Unternehmen ohne immobilienwirtschaftlichen Schwerpunkt erhebliche Hürden dar. 

Vor diesem Hintergrund ist ein Strategiewechsel erforderlich: die schrittweise Transformation bestehender Strukturen. Anstatt auf eine Rückkehr klassischer Büronachfrage zu setzen, geht es darum, neue Nutzungen zu integrieren und die Standorte funktional zu öffnen. Denkbar sind Angebote aus den Bereichen Gesundheit, Bildung, Sport, Kultur oder flexible Arbeitsformate. Insbesondere Nutzungen, die in zentralen Lagen aufgrund hoher Flächenkosten kaum realisierbar sind, können neue Perspektiven eröffnen. 

Auch in dezentralen Lagen können aus untergenutzten Konzernzentralen durch das vorhandene Unternehmensumfeld und bestehende amenities neue Hubs für Start-ups und technologieorientierte Ausgründungen entstehen. Ein Beispiel ist der Infineon-Campus Campeon in Neubiberg bei München, der trotz peripherer Lage mit einem multifunktionalen Nutzungskonzept dem zunehmenden, hausgemachten Leerstand entgegenwirkt. 

Diese Transformation wird zur zentralen Aufgabe im Umgang mit großflächigen Unternehmensimmobilien. Sie ist weniger kurzfristig ertragsorientiert, sondern setzt auf eine schrittweise Neupositionierung. Gleichzeitig kann sie dazu beitragen, die Wahrnehmung der Stand orte zu verändern und neue Nutzergruppen zu erschließen. Entscheidend ist eine fundierte Analyse der lokalen Nachfrage sowie der baulichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. 

Insgesamt deutet vieles darauf hin, dass großflächige Konzernzentralen vor einer zweiten Lebensphase stehen. Abriss und Neubau sind angesichts steigender Baukosten und wachsender Nachhaltigkeitsanforderungen häufig keine wirtschaftlich sinnvolle Option. Stattdessen gewinnt die Transformation im Bestand an Bedeutung – als langfristiger Prozess, der Flexibilität, Investitionsbereitschaft und strategisches Denken erfordert. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, wie diese Flächen wieder voll werden – sondern welche Rolle sie künftig überhaupt noch spielen sollen.

weitere Informationen

Werden Sie FondsForumMagazin-Leser!

Fachartikel, Informationen und Nachrichten der institutionellen Immobilienwirtschaft.

FondsForumMagazin

Beitrag teilen

Soziale Netzwerke