Pflegeimmobilien im Fokus: Zwischen Nachfrageboom und Angebotslücke

16.09.2025

Autor

Max Eiting

Max Eiting

Director und Head of Healthcare

Savills

Blogbeitrag

Pflegeimmobilien im Fokus: Zwischen Nachfrageboom und Angebotslücke

Der demografische Wandel zählt zu den stärksten Kräften, die zukünftig die Gesellschaft in Deutschland tiefgreifend verändern und somit auch den deutschen Immobilienmarkt prägen werden. Besonders deutlich wird dies mit Blick auf den Markt für Gesundheits- und Pflege immobilien. Schon heute ist die Nachfrage nach stationären Pflegeplätzen, ambulanten Angeboten und altersgerechtem Wohnen hoch und wird in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen. Bis 2050 könnte laut einer aktuellen Pflegevorausberechnung des Statistischen Bundesamtes die Zahl der Pflegebedürftigen um 27 bis 43 % zunehmen, der Bedarf an stationären Plätzen sogar um bis zu 66 %. Besonders dynamisch entwickelt sich dabei der Bedarf bei Deutschlands Ältesten: Während unter den 65- bis 70-Jährigen weniger als sechs Prozent pflegebedürftig sind, liegt der Anteil bei den 85- bis 90-Jährigen bei 54 %.

Die Marktdynamik spiegelt sich auch in den zunehmenden Transaktionen am Immobilienmarkt wider. Laut den Daten von Savills verzeichnete der deutsche Markt für Gesundheits- und Sozialimmobilien in der ersten Jahreshälfte 2025 einen Umsatz von knapp 920 Mio. Euro. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist dies ein Anstieg um 133 %. Die Investoren haben das Potenzial dieser Assetklasse erkannt, doch die strukturellen Angebotsdefizite und regulatorischen Hürden bleiben bestehen.

Strukturelle Angebotsdefizite und ihre Folgen
Aktuell fehlen in Deutschland rund 2,2 Millionen altersgerechte Wohnungen. Zugleich werden 84 % der Pflegebedürftigen zu Hause betreut – oft durch Angehörige oder ambulante Dienste, die häufig an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Um die Selbstständigkeit älterer Menschen zu sichern und die Überlastungen der Pflegenetze zu verhindern, bedarf es zwangsläufig neuer Angebote im Bereich des Betreuten Wohnens und der stationären Pflege. Allein um eine konservativ geschätzte Lücke von 300.000 zusätzlichen Pflegeplätzen bis 2040 zu schließen, wären jährlich etwa 190 neue Pflegeheime nötig. Tatsächlich entstanden in den vergangenen drei Jahren nur rund 10.000 zusätzliche Betten – die Gefahr einer strukturellen Unter versorgung ist somit akut.

Fachkräftemangel, Kosten und Regulierung als Risikofaktoren
Neben dem Ungleichgewicht aus hoher Nachfrage und geringem Angebot prägen weitere Herausforderungen das Marktumfeld. Ein zentrales Risiko spielt dabei der gravierende Fachkräftemangel. Laut dem deutschen Pflegeverband fehlen rund 200.000 Pflegekräfte – mit entsprechenden Auswirkungen auf Pflegequalität, Personalschlüssel und Lohnkosten. Parallel steigen auch die Bau- und Betriebskosten deutlich, befeuert durch Materialengpässe, den Fachkräftemangel in der Baubranche und verschärfte regulatorische Umweltauflagen. Zudem ist deutschlandweit rund ein Drittel der bestehenden Pflegeheime älter als 40 Jahre und steht vor einer umfassenden energetischen und baulichen Modernisierung. Unterschiedliche landesrechtliche Vorgaben – etwa zu Einzelzimmerquoten, Platzzahlen und baulichen Standards – erhöhen zusätzlich die Komplexität der Planungsprozesse. ESG-Kriterien entwickeln sich zwar mehr und mehr zum Branchenstandard, ihre konkrete Umsetzung und Kostenverteilung bleiben jedoch häufig unklar, was insbesondere kleinere Betreiber vor Problemen stellt und zu einem natürlichen Spannungsfeld zwischen Betreiber und Immobilieninvestoren wird.

Chancen im Neubau, in der Sanierung und bei Umnutzungen
Trotz dieser Rahmenbedingungen bleibt der Markt für Investoren langfristig attraktiv. Die alternde Bevölkerung sorgt für eine stabile Nachfragebasis, die bei einer professionellen Strukturierung verlässliche Cashflows ermöglicht. Im Fokus stehen dabei vor allem Standorte mit guter medizinischer Versorgung, funktionierender Infrastruktur und ausreichendem qualifizierten Arbeitskräftepotenzial. Ebenso entscheidend ist die Qualität der Betreiber, deren Bonität und Pflegekonzept über die langfristige Stabilität der Investments entscheiden.

Chancen eröffnen sich aber auch in der Transformation des Bestands. Energetische Sanierungen und die Anpassung von Grundrissen können die Attraktivität der Immobilien deutlich steigern und ihre Zukunftsfähigkeit sichern. Besonders interessant ist aktuell die Umnutzung geeigneter Büro- oder Mischobjekte, die sich in Pflege- oder Servicewohneinrichtungen transformieren lassen. Zentrale Lagen und flexible Grundrisse kommen dabei insbesondere ambulanten Wohnformen entgegen, sofern Genehmigungen und Brandschutzauflagen frühzeitig geklärt werden.

Zukunftsmarkt mit professionellen Anforderungen
Pflegeimmobilien bleiben ein Zukunftsmarkt, der Stabilität und Wachstum verspricht, zugleich aber eine hohe Komplexität aufweist. Investoren sollten einen Blick auf etwaige Risiken wie Kostensteigerungen, Personalengpässe und regulatorische Anforderungen haben und diese entsprechend in ihre Strategie berücksichtigen. Wer frühzeitig professionelle Betreiber einbindet, ESG-Pfade klar definiert und Sanierungsmaßnahmen aktiv in die Finanzierungsplanung integriert, kann nicht nur wirtschaftlich profitieren, sondern auch einen wesentlichen Beitrag zu einer zukunftsfähigen Pflegeinfrastruktur in Deutschland leisten.

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