
Künstliche Intelligenz in der Immobilienwirtschaft
Autor
Prof. Dr. Christian Schlicht

Prof. Dr. Christian Schlicht
Studiengangsleiter “Nachhaltige Immobilienwirtschaft” und Studiendekan Immobilienwirtschaft
Blogbeitrag
Künstliche Intelligenz in der Immobilienwirtschaft: Viel Euphorie, wenig Standards – eine kritische Bestandsaufnahme
Seit der sprunghaften Verbreitung von ChatGPT und vergleichbaren Tools steht das Thema Künstliche Intelligenz (KI) im Zentrum der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Diskussion. Dabei wirkt „KI“ für viele noch wie ein frischer Trend – tatsächlich reicht ihre Entwicklung zurück bis zu Alan Turing und den Anfängen der maschinellen Logik. Ähnlich wie der Umstieg vom SMS- Versand auf heutige Messenger wie WhatsApp oder Signal, vollzieht sich der KI-Fortschritt schrittweise, aber mit enormer Tragweite.
Von der einfachen Antwort zur Prozessintelligenz
Die Entwicklung von KI-Anwendungen kann man mit den Kommunikationsdiensten vergleichen:
- SMS-Niveau - zwei Nutzer tauschen Text aus. KI auf diesem Niveau heißt: Man stellt eine Frage, bekommt eine Antwort – und das war’s.
- MMS-Niveau - Text und Bild werden ausgetauscht. Auf KI übertragen heißt das, dass auch auf Anfragen komplexere Antworten, zum Beispiel Berechnungen oder Statistiken, ausgegeben werden.
- WhatsApp-Niveau - Nutzer tauschen Bild, Video, Standort, Dokumente: Für die KI bedeutet das, hier übernimmt die KI bereits Aufgaben, zerlegt Prozesse in Teilschritte, koordiniert, bündelt und liefert am Schluss eine umfassende Lösung.
Durch diese Evolution ist KI heute für breite Nutzergruppen anschlussfähig – ob bei Privatanwendern oder in Unternehmen. Konsequent suchen Menschen weniger bei Google und viel mehr fragen sie assistierende KI direkt. Selbst Messenger wie WhatsApp integrieren mittlerweile KI, wodurch ganz neue Nutzungsmöglichkeiten und Bequemlichkeiten entstehen.
Die Schattenseite: Bequemlichkeit trifft auf Sorglosigkeit
Diese neue Alltagstauglichkeit bringt Risiken mit sich: Die Bedienfreundlichkeit der Systeme verleitet dazu, deren Ergebnisse unkritisch zu übernehmen. Die Freude an Effizienz kann schnell in Gedankenlosigkeit umschlagen. Wer Aufgaben an KI abgibt, läuft Gefahr, Fehler, Bias oder gar Halluzinationen ungesehen zu übernehmen – ein Thema, das besonders für die Immobilienwirtschaft relevant ist, wo es um beträchtliche Vermögenswerte und strategische Entscheidungen geht.
Noch neuralgischer wird es bei „Agentic AI“, der nächsten KI-Stufe: Hier agieren KI-Agenten eigenständig über längere Prozessstrecken und treffen autonom Entscheidungen. Die Gefahr automatisierter Fehlerketten – etwa bei Handelsalgorithmen oder in der Steuerung ganzer Transaktionsstrecken – wächst rapide. Das Beispiel des sogenannten „Flash Crashs“ an der Börse 2010 zeigt drastisch, was passieren kann, wenn menschliche Kontrollinstanzen fehlen.
Menschliche Intelligenz (MI) bleibt unverzichtbar
Der technologische Fortschritt macht deutlich: KI allein kann den Menschen nicht ersetzen. Die Notwendigkeit, Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und die finale Verantwortung nicht auf Algorithmen abzuwälzen, wird gerade mit weiter entwickelten KI-Tools dringlicher. Branchenübergreifend fehlt es bisher an belastbaren Standards sowie an validierten Prüfmechanismen – stattdessen herrscht ein Flickenteppich aus Einzelinitiativen und ad-hoc Standards vor. Best Practice: Qualitätskontrolle durch Fachleute Ein positives Beispiel stellt die Plattform „Real Gain“ dar. Auf der Plattform stellen Marktteilnehmer ihre KI-Agenten mit immobilienwirtschaftlichen Prozessen und Know-How für andere zur Verfügung. Bevor sie allerdings zugänglich sind, wird jeder Agent von Branchenexperten geprüft, bewertet und freigegeben. Das mindert die Gefahr unerwünschter Ergebnisse erheblich und schafft einen Rahmen für verantwortungsbewussten Einsatz – ein Modell, das auch anderen Bereichen als Blaupause dienen könnte.
Fazit: KI nutzen – aber selbst denken
Künstliche Intelligenz verändert die Immobilienwirtschaft nachhaltig. Aber sie ist kein Selbstläufer. Ihre Integration verlangt nach mehr als nur technologischer Euphorie: Entscheidende Aufgaben wie die Entwicklung von Standards, die oder MI-Prüfstrukturen, wie bei Real Gain und die Ausbildung einer kritischen Anwender-Kultur sind überfällig. KI kann den Menschen unterstützen – ersetzen wird sie ihn auf absehbare Zeit aber nicht.
„KI ist ein Werkzeug, kein Orakel. Nur wer kritisch bleibt, nutzt ihr volles Potenzial.“
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