ESG: Auswirkungen auf den Investmentprozess?

01.03.2021

Autor

Mark Wolter

 Mark Wolter

Deka Investments

Blogbeitrag

Während der Umweltgedanke häufig im Mittelpunkt steht, sind ökologische Überlegungen allein nicht weitreichend genug, um dem Konzept der Nachhaltigkeit gerecht zu werden. Für eine umfassendere Definition wird unterstellt, dass Nachhaltigkeit bedeutet, dass das Handeln von heute nicht das Leben von morgen negativ beeinflusst, sei es auf wirtschaftliche, soziale oder ökologische Art und Weise.

Das Konzept, das diese Faktoren zusammenfasst, ist als ESG bekannt. Häufig wird es von Unternehmen als Selbstverpflichtung verstanden, bestimmten Maßstäben in den Bereichen Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Staatsführung) gerecht zu werden. Aber auch Länder können auf die Einhaltung von ESG-Standards abgeklopft werden. Häufig findet sich zwischen den drei Faktoren eine hohe Korrelation. Wenn also ein Land im Bereich Umwelt gut abschneidet, stehen die Chancen für eine gute Performance bei Social und Governance auch recht gut. Dabei ist wirtschaftlicher Wohlstand häufig ein guter Indikator für ESG-Performance. Hoch entwickelte Länder verfügen eher über die Mittel und das Know-how um die Standards umzusetzen. In weniger entwickelten Ländern verhindern neben fehlenden Ressourcen häufig auch die Priorisierung anderer Brandherde eine bessere Performance.

Positiver Zusammenhang zwischen Pro-Kopf-Einkommen und ESG-Score

Während die Vorteile einer guten ESG-Performance für die Bevölkerung des jeweiligen Landes auf der Hand liegen, rückt das Konzept auch zunehmend in den Fokus der Finanz- und Immobilienmärkte. Die entsprechende Regulatorik ist in Arbeit und Zentralbanken strecken ihre Fühler in die ESG-Richtung aus. Dies sorgt zusammen mit positiven Reputationseffekten dafür, dass das Thema auch für Investoren zunehmend interessant ist. Um dieses Thema in Investitionsentscheidungen aufzugreifen, bietet es sich an, ein Scoring-Modell für einzelne Länder zu entwickeln, dass diese Faktoren genauer beleuchtet. Dabei kann die Umweltkomponente zum Beispiel durch den Environmental Performance Index der Yale University zurück. Der Index zeichnet sich dadurch aus, dass er eine ganze Reihe von wichtigen Umweltaspekten aufgreift und bewertet. Damit liefert er ein gutes Gesamtbild über den Zustand der Umwelt des jeweiligen Landes.

Den Bereich Soziales kann man auf viele Arten und Weisen gestalten. Als Ausgangslage können so zum Beispiel neben Einkommensgleichheit, Arbeitsrechten, Bildung und Gleichberechtigung auch Kriminalität und die Behandlung von Minderheiten betrachtet. Diese Faktoren liefern ein erstes gutes Bild über die sozialen Umstände in einem Land, auch wenn diese Liste nicht abschließend ist. Auch hier kann wieder von einer hohen Korrelation zwischen einzelnen Faktoren ausgegangen werden, sodass im Falle einer Erweiterung kein vollständig anderes Bild zu erwarten ist. Zuletzt kann der Bereich Governance durch die entsprechenden Indikatoren der Weltbank abdeckt werden. Diese beinhalten unter anderem Einschätzungen zur Korruption, der Effektivität der Regierung, der regulatorischen Qualität sowie der Rechtssicherheit.

Ein ESG-Score auf Basis dieser drei Säulen kann dabei helfen, die Performance möglicher Investitionsstandorte zu beobachten und eventuell entstehende Nachhaltigkeitsrisiken aufzudecken, wobei der Score von 100 (beste ESG-Performance) bis hin zu 0 (schlechteste Performance) reicht. Grundsätzlich gilt, dass der subjektive Eindruck selten trügt und so hält das Ergebnis nur wenige Überraschungen bereit. Insbesondere unter den großen europäischen Ländern sind die Unterschiede denkbar gering. Darüber hinaus sind es vor allem die kleineren hoch entwickelten Länder, die durch eine Outperformance im Bereich Soziales gut abschneiden: Skandinavien, Irland, aber auch Singapur gehören hier zu den Besten. Sie zeichnen sich oft durch hohe Homogenität beim Einkommen aus und haben auch im Umgang mit Minderheiten die Nase vorn.

Die Top-Positionen im ESG-Scoring mit mindestens 95 von 100 Punkten sind damit fest in nordischer Hand. Finnland, Island, Schweden und Norwegen tummeln sich auf den ersten Plätzen. Deutschland landet mit 91 Punkten auf Platz 13. Außerhalb Europas ist Neuseeland auf Platz 9 das stärkste Land. Nordamerika ist erst auf Platz 15 durch Kanada vertreten, die USA landen vor allem durch eine schwächere soziale Leistung nur auf Platz 31. Weit abgeschlagen auf den letzten Plätzen unserer Länderauswahl mit weniger als 20 Punkten befinden sich Nigeria und Indien, die in keinem Bereich auf überzeugende Werte kommen. Große Ungleichheit, Umweltbelastungen und schwache Governance gehen hier Hand in Hand. Insgesamt sind gerade die BRICS-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika alle auf den unteren Rängen vertreten.

Diese Ergebnisse fließen in den Investmentprozess ein, denn Nachhaltigkeit spricht für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft und erhöht somit die Attraktivität als Investitionsstandort. Längst ist Rendite nicht mehr der alleinige Erfolgsfaktor für ein Investment. Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels ist verantwortungsvolles Investieren wichtiger denn je, während soziale Gerechtigkeit und gute Governance die wirtschaftliche und politische Stabilität einer Volkswirtschaft unterstützen und zu einem soliden Umfeld für Investoren beitragen. Somit hilft der ESG-Score die nachhaltig besten Investitionsstandorte zu definieren und den neuen Nachhaltigkeitsstandards gerecht zu werden. Denn nur wer nachhaltig handelt und investiert, wird langfristig erfolgreich sein und sichert sich zugleich seine gesellschaftliche „license to operate“.

Ausgewählte Komponenten der Säule Environment

Ausgewählte Komponenten der Säule Social

Ausgewählte Komponenten der Säule Governance