Innerstädtischer Einzelhandel im Wandel

08.03.2021

Autor

Iris Schöberl

Iris Schöberl

Managing Director Germany und Head of Institutional Clients

BMO Real Estate Partners Deutschland

Blogbeitrag

Der Einzelhandel befindet sich in einem Umbruch und mit ihm auch unsere Innenstädte – und das bereits vor der COVID-19-Pandemie, die nun wie ein zusätzlicher Katalysator fungiert. Vorbei die Zeiten, in denen man „in die Stadt“ fahren musste, um etwas Besonderes einzukaufen. Der modische Anzug, die exklusive Uhr oder das schicke Schuhmodel können heute bequem vom Sofa aus bestellt und bis vor die Haustür geliefert werden. Dennoch ist der Einzelhandel aus unseren Innenstädten nicht wegzudenken. Und das ist auch gut so. Es gilt aber umzudenken, neue Wege und Konzepte zu entdecken, die Vielfältigkeit zu fördern und folglich für stabile Frequenzen, Umsätze und letztlich Mieteinnahmen zu sorgen. Dafür ist es unabdingbar, den Status Quo auf der Fläche und die aktuellen Trends zu kennen, die zukünftig den Wandel mitbestimmen werden. Deshalb haben wir von BMO Real Estate Partners Deutschland im Rahmen unseres Highstreet-Reports „What´s next, Highstreet?“ die Einkaufsstraßen 141 deutscher Städte untersucht und in einem Online-Tool zusammengestellt – um Kontexte zu erkennen, Synergien herauszufiltern und Verteilungen zu visualisieren.

Demnach wird die Reise des innerstädtischen Einzelhandels vor allem von zwei Treibern bestimmt: Einerseits übt die zunehmende Online-Konkurrenz einen gewissen Druck auf einige Segmente aus und führte insbesondere im Bereich der Textiler zu Flächenkonsolidierungen und Restrukturierungen. Aus großen Dependancen werden kleinteilige Shops, die teilweise auch auf eine zusätzliche Bespielung der Fläche setzen. Das Ziel sind die Steigerung der Aufenthaltsqualität und -dauer, die Schaffung eines Einkaufserlebnisses, die Identifikation mit dem Ort: So lassen integrierte Cafés aus dem Einkauf des neuen Outfits den Kaffeeklatsch mit Freunden werden. Ganz nach dem Motto: „More than shopping“.

Dazu gehören auch ein professioneller Berater sowie Angebote wie Click and Collect. Gleichzeitig begeben sich vermehrt Online Player auf die Fläche, da sie den Mehrwert einer stationären Präsenz erkannt haben. Zalando und Co. haben hierbei nicht nur die vertrieblichen Potenziale des Multi-Channeling im Blick, sondern wissen zudem um die zusätzlichen Anreize, die ein Shop in der Innenstadt mit sich bringt. Auch wenn viele Onliner theoretisch auf den analogen Kanal verzichten könnten, ist der Push-Effekt für den Beziehungsaufbau zwischen Kunden und Marke nicht zu unterschätzen und wirkt sich langfristig auf die Bekanntheit des Unternehmens aus. In einer immer komplexeren und zunehmend digitalisierten Welt steht die unendliche Produktvielfalt des E-Commerce der Sehnsucht nach Beratung, Service und realen Begegnungen gegenüber.

Andererseits führen Visionen über die Städte von morgen ebenfalls zu neuen Wegen in den Highstreets: In den Innenstädten ist der Wunsch nach mehr Belebung nach Ladenschluss zu spüren. Die Umsetzung zeigt sich in vielerlei Hinsicht: Anbieter verschiedenster Branchen fassen Fuß – vom Fitness-Studio über den Beautysalon bis hin zu mehr Gastronomiebetrieben. Hinzu kommt die Implementierung weiterer Nutzungen wie Wohnen und Büros. Aus der Highstreet wird ein Mixed-Use-Quartier – ein multiurbaner Hotspot. Das i-Tüpfelchen stellt dabei die temporäre Eventisierung des öffentlichen Raums dar: Weinfeste, Ausstellungen, Sportveranstaltungen. Verkaufsoffene Sonntage und Weihnachtsmärkte sind dabei quasi gesetzt. Diese Formate unterstützen die Anziehungskraft der Innenstädte und sorgen für weitere Impulse.

Eigentümer, Investoren, Assetmanager, Projektentwickler und Co. müssen flexibler denn je sein. Von der Basisgestaltung der Flächen über die Betrachtung innovativer Konzepte bis hin zur Erstellung von Verträgen. So ist es essenziell, die Reise gemeinsam mit den Einzelhändlern, On- wie Offliner, Städten und Gemeinden sowie Nutzern zu bestreiten, den digitalen und stationären Einzelhandel als Teil des Ganzen zu betrachten: ein Player im digitalen Netzwerk, eine Fläche im städtebaulichen Konstrukt. Es ist entscheidend, voneinander zu lernen und gemeinsam Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Vielfältigkeit und das Potenzial unserer Innenstädte zu fördern und diese bei ihrer Reise in eine neue Einkaufswelt zu unterstützen.

„What´s next, Highstreet? Ein Blick auf Deutschlands Einkaufsstraßen von BMO Real Estate Partners“

BMO Real Estate Partners Deutschland hat in Zusammenarbeit mit der bulwiengesa AG ein Tool entwickelt, das die Mieter- und Besatzstrukturen in den Highstreets 141 deutscher Städte erfasst. In Gänze werden über 150 Highstreets, rund 150 innerstädtische Shoppingcenter, mehr als 6.600 Mieter und über 20.700 Shops mittels der Visualisierungs-Software „Tableau“ zusammengeführt. Das Tool ist unter www.bmorep.com/DeutschlandsHighstreet vollständig abrufbar. Um Veränderungen innerhalb der Einzelhandelsstrukturen in den untersuchten Highstreets nachvollziehen zu können, wird die Bestandsaufnahme in den kommenden Jahren aktualisiert und bildet damit die Grundlage für eine Vergleichbarkeit.

Fotonachweis: Pexels